Startseite
 DTZ
 Team

 Therapiekonzepte

 Cavallotherapie

 Coaching am Pferd

 ZEPF
 Bücher
 Buchbesprechungen
 Fachartikel
 Bilder
 Links
 Kontakt
 Impressum
 

 

Fachartikel

 
 

Diagnostik und Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit Teilleistungsbegabungen und Teilleistungsstörungen

Psychologen und Lehrer schlagen gleichermaßen Alarm, denn immer häufiger sprechen Eltern davon, dass ihr Kind hochbegabt ist. Gleichzeitig gibt es aber auch immer mehr Kinder mit der Diagnose ADS / ADHS.

Interessanter Weise zeigt sich das Phänomen, dass beide Gruppen ähnliche Symptome haben können. Sowohl bei der einen als auch bei der anderen Gruppe ist festzustellen, dass Konzentration und Aufmerksamkeit abnehmen, Bewegungsunruhe, niedrige Frustrationstoleranz und Affektauffälligkeiten zunehmen.

Was geschieht mit unseren Kindern? Der kleine Einstein, der kleine Mozart, werden sie vermehrt geboren? Oder erleben wir eine Neuauflage vom Struwwelpeter in allen Facetten?

Fakt ist, dass in Kindergärten und Schulen immer häufiger Kinder mit den oben erwähnten Symptomen auffällig werden. Viele dieser Kinder werden weder als hochbegabt angesehen, noch als ADS Kind eingestuft, sondern eher als verhaltensauffällig, lern gestört oder einfach faul und unerzogen. Ihr Verhalten wird als Erziehungsproblem interpretiert.

Fakt ist aber auch, dass Kinder von Natur aus gern lernen, sie wollen Rechnen, Schreiben und Lesen. Wir erleben, dass Kinder wie Schwämme sind, die Neues aufsaugen und alles mit Freude anzunehmen bereit sind.

Woran liegt es aber, dass trotzdem so viele Kinder nach einiger Zeit als auffällig eingestuft werden? Am Zappelphilipp-Syndrom, an der Unterforderung bei Hochbegabung, liegt es am Asperger Syndrom oder liegt es an ungünstigen Lernbedingungen und didaktisch- methodischen Unzulänglichkeiten der Schule, wie häufig von Eltern vermutet?

 

Differentialdiagnose bei Auffälligkeiten im Alltag des Kindes

 

Aktuelle Studien, wie z.B. die von Dr. Völker (2009) zeigen, dass 50 – 60 % der Schulanfänger eine instabile Körperwahrnehmung haben. Bei Jungen lässt sich das Symptom häufiger feststellen. Gleichzeitig verweisen die Studien darauf, dass Kinder mit instabiler Körperwahrnehmung größere Unsicherheiten im Lernverhalten zeigen. Konzentration, Handlungskompetenz, Eigenregulation, Identität hängen signifikant davon ab, wie sicher die Körperwahrnehmung sich entwickeln konnte, und die Entwicklung der Körperwahrnehmung kann als Grundvoraussetzung für höhere Fertigkeiten und Kompetenzen angesehen werden.

Bei Kindern mit Körperwahrnehmungsstörungen treten häufiger Auffälligkeiten wie Unruhe, Bewegungsarmut, Koordinationsstörungen, unreife Schrift, psycho-soziale Probleme oder Ängste auf.

Diese Auffälligkeiten lassen sich durchaus in vielen Krankheitsbildern wieder finden.

Der ICD-10 (Remschmidt, Schmidt & Poustka 2001), das multiaxiale Klassifikationssystem, dass bei Kinderärzten und Kinderpsychiatern ein wichtigstes Diagnosekriterium darstellt, zeigt uns folgende differentialdiagnostische Möglichkeiten:   

 

  • Asperger Syndrom F 84.5

            Beeinträchtigung sozialer Interaktionen (Kardinalsyndrom)

            Repertoire eingeschränkter, stereotyper, sich wiederholender Interessen und

            Aktivitäten

            Häufig: isolierte Spezialfertigkeiten

  • Hyperkinetisches Syndrom (ADS / ADHS stehen nicht unter dieser Bezeichnung im ICD – 10) F90

            Kardinalsyndrom: eindeutiges Vorliegen eines abnormen Ausmaßes von

            Unaufmerksamkeit, bei ADHS auch Überaktivität und Unruhe        

  • Angststörungen F41

            intensive Ängste und Sorgen länger als 6 Monate regelmäßig (mehrere Stunden jeden

            Tag) bezogen auf Aktivitäten und Ereignisse des eigenen Lebens (z.B. Schule)

            Probleme, Sorgen zu kontrollieren/damit umzugehen

  • Störung des Sozialverhaltens F91

            wiederkehrendes Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens

            schwerwiegender als normaler kindlicher Unfug (z.B. quälen von Tieren, mutwilliges

            Verletzten von anderen, Zündeln, Schulschwänze/schwere Wutausbrüche)

            unabhängig von physiologischen Trotzphasen z.B. im Kleinkindalter

Alle Störungsbilder haben laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) eines gemeinsam: sie treten länger als sechs (6) Monate zusammenhängend auf. Die Kardinalssymptome dürfen nicht fehlen und treten in einer Kombination von mehreren Primärsymptomen auf und sind situationsunabhängig. 

Was deutlichwird ist, dass einige Symptome durchaus bei unterschiedlichen Krankheitsbildern anzutreffen sind, als Kardinal- oder Primärsymptome. Dabei sollte betont werden, dass als Kardinalssymptom Auffälligkeiten bezeichnet werden, die grundsätzlich vorhanden sein müssen. Primärsymptome sind Auffälligkeiten, die überdurchschnittlich häufig von Beginn als grundsätzliches Symptom (kein Folgesymptom) an anzutreffen sind.

Differentialdiagnose erfolgt im Bereich der Kardinalsymptome und in der Verknüpfung der Primärsymptome. Aufgrund dieser Verknüpfungen lässt sich relativ sicher abgrenzen, welchem Krankheitsbild die vorliegenden Symptome zuzuordnen sind bzw. lassen sich die Krankheitsbilder ausschließen.

Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, dass diese Auffälligkeiten ebenfalls aus anderen Gründen anzutreffen sein können, z.B. kurzfristig bei einer Erkrankung oder zeitlich begrenzt bei psychischen Problemen wie einer Scheidung der Eltern.

Differentialdiagnostik müssen auch andere Krankheitsbilder ausgeschlossen werden, z.B. eine auditive Verarbeitungsstörung.

 

Symptomkomplexe einer Unter- oder Überforderung

 

Aber auch dann, wenn Kinder unter einer ausgeprägten Unter- oder Überforderung leiden, zeigen sich ähnliche Auffälligkeiten, wie die oben angeführten.

Betont werden muss dabei, dass Kinder, die unter einer Unterforderung oder einer Überforderung leiden, grundsätzlich sehr ähnliche Symptome haben können. Um so wichtige ist auch in diesem Bereich eine umfangreiche Differentialdiagnose. Hier gelten ähnliche Kriterien wie oben angeführt.

Die Auswirkungen einer Unter- oder Überforderung müssen durch mehr als 3 Symptome sichtbar und in vergleichbaren Situationen regelmäßig feststellbar sein. Erkrankungen (z.B. Fieber), Belastungssituationen (z.B. Scheidung, Tod eines Familienmitgliedes), Druck von außen, ADS/ADHS, Autismus, organische Erkrankungen, neurologische Erkrankungen, sensorische Störungen sollten ausgeschlossen werden. Dabei sollte beachtet werden, dass mehrere Erkrankungen bzw. Störungen gleichzeitig auftreten können.

Unterschiede bei der Feststellung von Unter- oder Überforderung zeigen sich vor allem im Soll- Istwert-Vergleich der Folgereaktionen sowie in den Reaktionsmustern bei Veränderung der entsprechenden Unter- bzw. Überforderungsituationen. Differentialdiagnostik gegenüber anderen Krankheitsbildern kann festgehalten werden, dass die Symptome der Unter- oder Überforderung nicht sichtbar werden in anderen Situationen, z.B. beim Spiel oder beim Essen. Die Symptome zeigen sich nur dann, wenn das Kind in einer speziellen Situation der Unter- oder Überforderung steht. Allerdings muss dies nicht automatisch eine Lernsituation in der Schule sein, genauso gut können die Symptome auch beim häuslichen Lernen oder im Leistungssport auftreten.  

Dabei sollte betont werden, dass eine lang andauernde Phase der Unterforderung durch einen Mangel an intensiver Beschäftigung mit dem Lernstoff zu einem Lerndefizit führen  und damit eine Überforderung nach sich ziehen kann.

Auch ein Kind mit Hochbegabungen in Teilbereichen muss gefördert werden und benötigt die Auseinandersetzung mit dem zu lernenden Inhalten.

 

Beobachtungsbogen Unter – und Überforderungen

 

 

Name:____________                             

Datum:___________

Alter :____________

                                                                                                       Trifft         nicht        manchmal/       häufig/         oft/         immer

                                                                                                          zu                                leicht              mittel         stark     

 

 

   Kind  ist aggressiv, streitsüchtig                                                 1             2           3          4             5

   Hat Schwierigkeiten mit dem Aufpassen                                      1             2           3          4             5

  Ist häufig gereizt                                             1             2           3          4             5

  Neigt zu Hektik und Nervosität                                                    1             2           3          4             5

  Hört nicht zu, wenn es angesprochen wird                           1             2           3          4            5

  Lässt sich leicht ablenken                                                              1             2           3          4             5

  Zappelt oft oder rutscht hin und her                                               1             2           3          4            5               

 Verlässt oft seinen Platz, wenn es Stillsitzen soll                 1             2           3          4             5

 Beschäftigt sich mit anderen Dingen als gefordert                         1             2           3          4             5

 Wirkt sehr unsicher, ängstlich                                                         1             2           3          4             5

  Macht häufig Flüchtigkeitsfehler                                                   1             2           3          4             5

  Klagt häufig über unterschiedliche Schmerzen                             1             2           3          4             5

  Zieht sich häufig zurück, macht nicht mit                                     1             2           3          4             5

  Zeigt altersungewöhnliche Interessen                                            1             2           3          4             5

  Redet übermäßig viel                                                                      1             2           3          4             5

  Platzt vorzeitig mit Antworten heraus                                             1             2           3          4             5

  Hat Schwierigkeiten abzuwarten, bis es an der Reihe ist          1             2           3          4             5

  Unterbricht andere oft oder kommt ihnen zu nahe                    1             2           3          4             5

 Spricht vor sich hin                                                                           1             2           3          4             5

  Redet mit Händen und Füßen                                                           1             2           3          4             5

  Zwei oder drei Dinge werden gleichzeitig gemacht                         1             2           3          4             5

  Stellt extrem viele Fragen                                                                 1             2           3          4             5

  Kümmert sich viel um andere und was diese tun                              1             2           3          4             5

  Fängt mehrere Aufgaben an, ohne sie zu beenden                             1             2           3          4             5

  Zeigt häufig Vermeidungsverhalten                                                   1             2           3          4             5

  Vermehrte Mitbewegungen / Assoziationen                                      1             2           3          4             5

  Hört nicht zu, reagiert nicht bei Ansprache                                        1             2           3          4             5

  Liest, malt oder schreibt im Unterricht ungefragt                              1             2           3          4             5

  Zieht andere Aufgaben vor, beschäftig sich mit anderem                  1             2           3          4             5

  Hilft gern anderen während des Unterrichtes                                     1             2           3          4             5

  Denkt über andere Dinge nach, oft alters untypisch                           1             2           3          4             5

  Fummelt viel an sich, anderen oder Gegenständen herum                  1             2           3          4             5

  Denkt sich Dummheiten und Streiche aus beim Unterricht                 1             2           3          4             5

  Geht häufig zur Toilette                                                                       1             2           3          4             5

  Rennt gern aus schwierigen Situationen weg                                       1             2           3          4             5

  Zeigt Gedächtnisprobleme, vergisst schnell, was er getan hat             1             2           3          4             5

  Seine Wahrnehmung und die Widergabe entsprechen nicht Realität   1             2           3          4             5

  Faul, bequem, macht es sich leicht                                                       1                     2                 3          4             5                  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1: Diagnostikbogen für die Symptome der Unter- und Überforderung

 

Hinweise auf eine Hochbegabung

 

Kennzeichnend für Hochbegabungen in Teilbereichen ist es, dass das Kind über eine sehr schnelle Aufnahme verfügt, wenn es sich intensiv mit einem Stoff beschäftigt. Je nach Lernniveau kann dies dazu führen, dass es scheinbar ohne jede Anstrengung und jedes Lernen Inhalte aufnimmt. Dazu benötigt aber auch ein Kind mit Hochbegabung grundsätzlich ermöglichte Erfahrungen in den entsprechenden Bereichen. Ein musisch begabtes Kind kann seine Musikalität nicht adäquat entwickeln, wenn es nicht an Musik herangeführt wird und Gelegenheit erhält, zu singen oder / und Instrumente zu erlernen.

Allerdings hat ein Kind mit entsprechenden Begabungen auch zu späteren Zeitpunkten noch die Möglichkeiten, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln, je nach Alter und Intensität der Förderung auf durchaus überdurchschnittlichem Niveau. Aber auch ein Kind, mit einer z.B. musischen Begabung kann diese nicht instrumentell überdurchschnittliche zeigen, wenn es erst als älterer Erwachsener die Gelegenheit erhält, ein Instrument zu erlernen.

Generell auffällig bei Kindern und Jugendlichen mit Teilleistungsbegabungen und – hochbegabungen ist eine überdurchschnittliche Fähigkeit, Verknüpfungen herzustellen, Zusammenhänge zu schaffen, Verbindungen zu sehen und erfassen zu können.

Typisch und für Außenstehende oft nicht gleich erkennbar ist die veränderte Fähigkeit der Assoziationen. So werden Zusammenhänge erkannt und geschaffen, die logisch und nachvollziehbar sind, aber nicht auf den ersten Blick.

Entsprechen muss nachgefragt werden, wenn Lösungswege und Antworten nicht sofort verständliche sind. Oft zeigt sich, dass es sich zwar um keinen schulkonformen Lösungsweg, aber durchaus um einen logischen bzw. korrekten handelt.       

Kinder mit Teilleistungshochbegabungen zeigen oft altersungewöhnliche Interesse und entwickeln freiwillig und mit einer hohen Lernmotivation Fertigkeiten in Bereichen, die Kinder dieser Altersstufe sonst nicht zeigen. Z.B. lernen sie von sich aus Rechnen oder Schreiben bereits vor der Schule, interessieren sich als Kindergartenkinder für Archäologie oder klassischen Gesang, ohne dass sie von Eltern direkt daran geführt werden.

Typisch für Hochbegabungen ist durchaus ein breites Spektrum an Fertigkeiten bzw. Fähigkeiten und Interessen, die aber nicht konform mit Schulfächern liegen müssen. Die Beschäftigung mir diesen Bereichen erfolg freiwillig und mit hoher Motivation.

Bekommen sie Gelegenheit, intensiv in einem Bereich der schulischen Leistungen gefördert zu werden, in dem sie im Schulalltag negativ auffallen, aber Begabungen haben, zeigen sie schnell eine überdurchschnittliche Auffassungsgabe und Lernergebnisse.

Gleichzeitig müssen Kinder mit Teilleistungshochbegabungen nicht unbedingt gut in der Schule sein. Sie können Schwächen in einigen Fächern zeigen, aber auch eine vollständige Schulunlust.

 

Fallbeispiel

Mit 4 Jahren kam Renee zu mir. Renee zeigte eine ausgeprägte Hochbegabung im sprachlichen und visuellen Bereich. Dies führte dazu, dass er mit vier Jahren nicht nur lesen konnte, sondern auch alters untypische Bücher sowie Zeitungen lesen wollte. Andererseits konnte er keinen Schuh anziehen, keine Türklinge herunter drücken, kein Rollbrett frei bewegen oder malen.

Als er zur Schule kam, benutzte er trotz Förderung immer noch die ganze Faust, um einen Stift zu halten und konnte nicht auf einem Bein stehen, aber seine Lesefähigkeit reichte problemlos aus, um die fünfte Klasse zu besuchen.

 

 

 

 

Abb. 2: Fallbeispiel von einem hochbegabten Kind in der Lesefähigkeit

 

Überforderte Kinder zeigen durchaus ähnliche Symptome. Kennzeichnend ist aber, dass sie bei intensiver Beschäftigung mit einem Thema keine vergleichbaren Lernerfolge haben. In der Regel muss auf einem niedrigen Niveau gearbeitet werden, um Lernerfolge zu erzielen. Wiederholungen müssen häufiger sein, Variationen dürfen zu Beginn nicht zu vielfältig sein, um verstanden und umgesetzt zu werden. Lernerfolge können ausbleiben oder stagnieren.

Typisch ist, dass die betroffenen Kinder durchaus willig sind und sich fleißig mit dem Thema beschäftigen wollen, aber länger benötigen, bis sie zu einem positiven Ergebnis kommen.

Wird das Niveau gesenkt, zeigen sich schnell positive Ergebnisse.        

 

 

Intelligenzniveau

 

Die klassische Einstufung der Intelligenz erfolgt über den IQ. Dieser Intelligenzquotient bezeichnet das Verhältnis von Intelligenzalter zum Lebensalter multipliziert mit 100.

Die modifizierte Definition sieht den IQ als Abweichungsmaß an, das sich aus der Umrechnung der Testsummenwerte eines Intelligenztestes in alters spezifische Standardskalen ergibt. Die jeweilige Altersnorm (Mittelwert)  liegt stets bei 100. Die Leistungen des einzelnen Individuums werden als Abweichungen von diesem Mittelwert dargestellt.      

 

Einstufung nach dem ICD-10

Sehr hohes Niveau

IQ  über 129

Hohes Niveau

IQ 115 – 129

Normvariante

IQ 85 – 114

Niedrige Intelligenz

IQ 70 – 84

Leichte Intelligenzminderung

IQ 50 – 69

Mittelgradige Intelligenzminderung

IQ 35 – 49

Schwere Intelligenzminderung

IQ 20 – 49

Schwerste Intelligenzminderung

IQ unter 20

Abb. 3: Stufen der Intelligenz nach dem ICD-10

 

Diese Werte sind als Richtwerte anzusehen, die vormals festgelegt wurden. Der IQ wird einerseits als genetisch bedingt angesehen. Zum anderen wird davon ausgegangen, dass die kognitive Entwicklung aufgrund unterschiedlicher Einflüsse stehen geblieben oder unvollständig entwickelt sein kann.

Werden Fähigkeitsbereiche beeinträchtigt, die zur geistigen Entwicklung beitragen, führt dies ebenfalls zu einer Beeinträchtigung der Intelligenz. Dazu gehören vor allem die Sprache, motorische oder soziale Fähigkeiten.

Der ICD-10 spricht davon, dass Intelligenzminderung isoliert oder in Kombination mit anderen Störungen auftreten kann.

 

Intelligenz ist kein einheitliches Phänomen.

 

Neueste Studien (Gardner  2007) sprechen von multipler Intelligenz und beziehen auch Begabungen in anderen Bereichen ein.

Unterschieden werden:

-          sprachlich - linguistische Intelligenz

-          logisch – mathematische Intelligenz

-          musikalisch – rhythmische Intelligenz

-          bildlich – räumliche Intelligenz

-          körperlich – kinästhetische Intelligenz

-          naturalitische  Intelligenz (Fähigkeit, Phänomene der Natur , wie die Gravitationskraft, die Zeit zu erkennen)

-          interpersonelle Intelligenz (Fähigkeit der Empathie, soziale Kompetenzen)

-          intrapersonale Intelligenz (Fähigkeit, sich selber zu fühlen und zu verstehen)

Gardner zieht inzwischen eine neunte Intelligenz in Betracht:

-          Existentielle oder spirituelle Intelligenz (Fähigkeiten, grundlegende Fragen zur

      Existenz nachvollziehen, stellen und beantworten zu können).

 

Nicht selten treten hohe Begabungen und Begabungen, die der Normvariante entsprechen,

gemeinsam mit Defiziten oder Störungen in anderen Teilbereichen (Teilleistungsstörung) auf.

Der IQ kann sich nach neuesten Erkenntnissen im Laufe der Entwicklung (auch im Erwachsenenalter) ebenso wie vorhandene Defizite verändern. Eine aktuelle Studie aus Schottland (Universität Edinburgh) wies nach, dass bei Personen, die als 11 Jährige getestet wurden, bei einem identischen IQ- Test im Alter von ca. 80 Jahren Veränderungen im IQ eingetreten waren. Je interessanter die beruflichen Felder waren, je interessanter das geführte Leben, desto höher war der IQ bei der zweiten Untersuchung. Der IQ-Wert sang dagegen, wenn die Personen ein sehr eingeschränktes privates bzw. berufliches Leben geführt hatten, z.B. bei Fließbandarbeit oder Langzeitarbeitslosigkeit. 

Bezogen auf diese Erkenntnisse sollte die Diagnostik der Intelligenzleistungen eine umfassende Einschätzung des breiten Spektrums der Fähigkeiten umfassen und nicht bezogen sein auf einzelne Bereiche spezifischer Fähigkeiten. 

Außerdem kann das Abschneiden des klassischen Intelligenztests abhängig von kulturellen Gegebenheiten sein.

Differentialdiagnostisch sollten abgeklärt werden, ob Lese-Rechtschreibstörung (F81),

isolierte Rechtschreibstörung (F81,1), Rechenstörung / Dyskalkulie (F81,2) oder

Störungen der motorischen Funktionen (F82) vorliegen. Hierzu können klassische Testverfahren eingesetzt werden.

Ökologische Bedingungen (Elternhaus etc.) müssen ebenso berücksichtigt werden wie

Vorerfahrungen  und mögliche Deprivationen. Dazu gehört auch ein Ausschluss von Traumata und Krisensituationen.

 

Lernförderung und störende Einflüsse 

 

Intelligenz und kognitive Leistungsfähigkeit hängen in weit größerem Umfang vom Wechselspiel der Entwicklungsförderung von Gehirn und Körper ab, als dies allgemein bekannt ist. Nicht unsere genetischen Anlagen oder ein in Punkten gemessener IQ sind ausschlaggebend für die Lernfähigkeiten eines Menschen. Körperliche Bewegung und sensorische Stimulationen durch „bewegte“ Reize sind bereits während der Entwicklung in der Schwangerschaft und bis ins hohe Alter hinein von entscheidender Rolle für die Entwicklung von neuronalen Netzwerken und sensorischen Verknüpfungen.

Erst durch regelmäßige Stimulationen über Bewegung, Berührung und sprachliche sowie musische Reize ist es unserem Gehirn möglich, die Schaltstellen zwischen allen Gehirnregionen zu entwickeln und auszubauen. Ein leistungsfähiges neuronales Netzwerk, sorgt dafür, dass Menschen sich in den unterschiedlichsten Situationen anpassen können und handlungsfähig werden. Neues kann schnell erfasst und gespeichert werden, bereits Gelerntes kann sicher abgerufen werden. Es wird möglich, neue und alte Lerninhalte miteinander zu verknüpfen. Das Gelernte summiert sich nicht nur, es potenzieren sich die Handlungs- und kognitiven Möglichkeiten, so dass unendlich viel neue Gedanken und Handlungen entstehen können. Der Weg ist offen für Kreativität und Erfindungen. Störungen, wie sie vorab beschrieben wurden, können u. U. auch ein Resultat ungenügender Bedingungen für den Lernprozess sein. Entsprechen muss Lernen in jedem Alter unter Berücksichtigung bestimmter Grundvoraussetzungen erfolgen und gefördert werden.

Effektives Lernen

 

Wiederholungen

Variationen

Aktivität – aktives Lernen

Lernen über Bewegung – bewegtes Lernen

Lernen durch Musik – rhythmisches Lernen(nicht: Musik anmachen, wenn man lernt!!!)

Freude / Spaß  - emotionales Lernen

Erfolgserlebnisse – effizientes Lernen

Lernen im Team – interaktives Lernen

Vorerfahrungen berücksichtigen

Interesse / Motivation – motiviertes Lernen

Lernen mit allen Sinnen – Lernen durch sensorische Integration

Lernen durch Verstärker – rhythmischen und bewegtes Lernen

Lernpausen

Lernziele – funktionales Lernen

Entwicklungsphase des Lernenden als Ausgangspunkt - entwicklungsanaloges Lernen

 

Abb. 4: Grundvoraussetzungen für effektives Lernen

 

Aus soziologischer, psychologischer, erziehungswissenschaftlicher und medizinischer Sicht

lassen sich vielfältige Begründungen und Erklärungsansätze dafür finden, dass Kinder zunehmend nicht das Lernniveau erreichen, dass vorausgesetzt wird.

Ein theoretischer Ansatz ist die zunehmende Einseitigkeit der Förderung in den ersten Lebensjahren. Kritikpunkte an den aktuellen Lebensbedingungen unserer Kinder ist ein weiterer. Die Zunahme von Einzelkindern, Geburtenrückgang, Eingenerationenhaushalte, Zunahme von allein erziehenden Elternteilen und kleine Kinderzimmer mit einem Überangebot an Medien und Spielzeug aller Art gehören dazu; mangelnde Akzeptanz gegenüber Kindern, Mangel an Spielplätzen, Arbeitszeiten beider Eltern und ungünstige Betreuungszeiten in Kindergärten und Schulen ebenso.

Dies führt u. a. zu fehlender oder mangelnder Bewegung sowie Reizüberflutungen. Wobei der zunehmender Leistungsdruck, die verminderte Kommunikation innerhalb von Familien und der Rückgang von Ritualen, Regeln, Grenzen, Normen und Werten im Alltag ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Diese einschränkenden Bedingungen für die kindliche Entwicklung können einerseits dazu führen, dass sich aufgrund einer ausgeprägten Deprivation (Mangelerfahrung)

Entwicklungsverzögerungen oder – störungen zeigen. Andererseits können aber auch Potentiale in Einzelbereichen durch eine einseitige Förderung besonders hervorgehoben werden. Vielleicht ist dies der Erklärungsschlüssel dafür, dass Kinder häufiger als früher als hochbegabt eingestuft werden.

 

Diagnostikmöglichkeiten für Hochbegabung, Teilleistungs- und Aufmerksamkeitsstörungen

 

Um feststellen zu können, ob ein Kind tatsächlich eine Hochbegabung hat, ob sich eine Teilleistungsstörung differenzieren lässt oder ob eine Kombination aus beiden vorliegen könnte, gibt es im therapeutischen und psychologischen Bereich unterschiedliche Testverfahren, u. a. klassische Testverfahren wie FEW, LOS, Rudolph, TKT oder die

systematische operationalisierte therapeutische Diagnostik nach Loose (SOTD).

 

1. Intelligenztestverfahren

2. Neurophysiologische Testverfahren zur Feststellung des Entwicklungsstandes

     - Statomotorik, Gehirndominanzen, Körperdominanzen, statomotorische Funktonalitäten,

        Gleichgewicht, taktil-kinästhetische Perzeption, visuelle Perzeption, auditive Perzeption

3. Überprüfung der erlernten Fertigkeiten

     - Schreibentwicklung, Rechenfähigkeit, Lesefähigkeit, graphomotorische Entwicklung

4.  Konzentrationstestverfahren

5. Überprüfung der psycho-sozialen Entwicklung

6. Sprachtests

    - expressive Sprache, Sprachstörungen, Sprachblockaden, Sprachmodelle

7. Überprüfung des Lernverhaltens

     Arbeitsverhalten, Lernkanäle und – blockaden, ökologische Lernsituation.

 

Förderung der kindlichen Entwicklung im Alltag

 

Um erreichen zu können, dass für die kindliche Entwicklung sowie für die weitere Entwicklung auch von Erwachsenen adäquate Bedingungen geschaffen werden, sollte bestimmte Voraussetzungen zur Selbstverständlichkeit werden: regelmäßige musische Stimulationen, ganzheitliche Förderung der kindlichen Entwicklung ab der ersten Woche durch Berührungen(z.B. Babymassage), Tiefenreize (z.B.Igelballmassage), Gleichgewichts-reize (z.B. Schaukeln). Die ganzheitliche Förderung sollte alle Bereichen umfassen:  Bewegung, Musik, Malen, Basteln, Kinder- und Gesellschaftsspiele, Sprache, Bücher, Tastspiele, Matschen, möglichst in Interaktionen mit mehreren Personen.

Wichtig ist aber auch, möglichst frühzeitig sportliche Aktivitäten zu unterstützen.

 

Fördermöglichkeiten in der therapeutischen Intervention

 

Haben Kinder oder Jugendliche neben den eigentlichen Problembereichen zusätzliche sekundäre und / oder tertiäre Symptome entwickelt, besteht die Gefahr, dass die primären Symptome nur mit Hilfe von therapeutischen Interventionen bearbeitet werden können oder dass sich sekundäre und tertiäre Symptome verstärken können, sollte eine therapeutische Unterstützung fehlen.

Die verschiedenen Fachbereiche (Ergotherapie, Physiotherapie, Psychotherapie, Heil- und Sonderpädagogik) haben unterschiedliche Konzepte und Modelle hierfür entwickelt, die aber auch häufig fachübergreifend eingesetzt werden.

Dazu gehören u. a. Lernförderung, Graphomotorik, Psychomotorik,Sensorische Integrationsförderung, Förderung der Rechenfähigkeit, Marburger Konzentrationstraining, Dominanzförderung, Förderung nach Lauth und Schlottke, Shiatsu – Therapie, Stressbewältigungstraining, Entspannungsverfahren, Systemische Familienarbeit, Elternberatung, Psychotherapie für Eltern und Kind.

Aufgrund der sekundären Symptome benötigen oft auch Hochbegabte eine Schul begleitende Förderung, um die Ausbildung einschränkender Symptome, z.B. Konzentrationsprobleme, Identitätsstörungen, Lernverweigerung, zu vermeiden.

Schwerpunkt einer effizienten Förderung sollte der Bereich der Körperwahrnehmung und der psycho-sozialen Förderung sein. Sowohl Kinder mit Teilleistungsstörung als auch Kinder mit Hochbegabungen zeigen oft Defizite im Körperimago und Defizite in der Tonusregulation.

 

 

 

Abb. 5 : Wechselwirkungen zwischen Muskeltonus und intra- sowie interpersonellen Einflüssen

 

Gleichzeitig zeigen sich im Bereich der sekundären bzw. tertiären Symptome gerade durch die oft negative Interaktion mit der Umwelt Problem in der Identität (Selbstwert, Selbstwahrnehmung).

Entsprechend sollte in der therapeutischen Intervention immer im Mittelpunkt stehen, dass Kind mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen, seine Persönlichkeit zu erkennen und zu unterstützen und ihm dabei zu helfen, sich selber zu erkennen und annehmen zu können.

In der Interaktion mit dem Elternhaus und der begleitenden Institution stehen Möglichkeiten der positiven Verstärkung des Selbstbildes sowie der angenommenen Fremdwahrnehmung im Vordergrund.

Gelingt es, dass das Kind von außen adäquat wahrgenommen wird und sich selber wahrnehmen kann, wird es effektiver möglich, seine Schwächen auch mit Hilfe seiner Stärken positiv beeinflussen zu können und mit dafür zu sorgen, dass das Kind Handlungskompetenz und positive Kompensationsmodelle entwickeln kann.